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Fake

Wir erinnern uns. Der Wiener Journalist Hans Weiss und eine vermeintliche slowakisch Pflegerin entlarvten, wie das unsägliche österreichische Magazin "News" an seine Fakten zu kommen pflegt. Nunmehr wird nicht dem Presser-Organ der Prozess gemacht, sondern denjenigen, die gezeigt haben, wie diese Kamerilla zu arbeiten pflegt. In fast allen österreichischen Medien wird darüber berichtet. Niemand regt sich aber über die Gier auf, mit der diese Journaille vermeintliche Fakten schafft. Es ist diese Gier, die zu der Fälschung geführt hat. Wir sagen: Weiter so Österreich!

Die Presse: 22.11.2006

"Schauspiel" mit der Kanzler-Familie:
Falsche Pflegerin vor Strafgericht


Frau gab sich als slowakische Pflegerin im Dienste der Familie Schüssel aus.

Wien. Die Illustrierte "News" berichtete Mitte September "exklusiv": "Frau Maria, jene illegale slowakische Pflegerin, die die Schwiegermutter von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel betreute, bricht ihr Schweigen." Nur: Die Kanzler-Familie wusste nichts von einer "Frau Maria". Und klagte nun jene 52-Jährige, die sich als Pflegerin ausgab, wegen übler Nachrede und Kreditschädigung.
Weiterlesen ...

Weitere Berichte im Kurier und im Standard sowie
auf ORF.at (alle 21.11. 2006):

"News"-Redakteure müssen aussagen
Weitere Zeugen wurden geladen und die Verhandlung deshalb auf den 16. Jänner vertagt. Vier Journalisten, darunter Text- und Bildredakteur des "News"-Interviews - müssen vor Gericht aussagen.
Eine außergerichtliche Einigung schlug im Vorfeld der Verhandlung fehl. "Wir bestehen nicht auf eine Verurteilung, aber es muss eine Entschuldigung her, eine Ehrenerklärung abgegeben und die Kosten dafür übernommen werden", meint Ainedter. Die Gegenpartei lehnte das ab.

Zu Unrecht angeklagt?
Seine Mandantin sei zu Unrecht in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, so der Anwalt der Beschuldigten. Sie könne nicht für Aussagen verantwortlich gemacht werden, die nicht von ihr stammen. Dafür müssten jene zur Verantwortung gezogen werden, die diese Passagen publiziert haben, so der Verteidiger.

Ein anschauliches Yes Men-Portrait aus der taz-nord (26.10. 2006) ist nachzutragen. Anlass war die Aufführung der Doku "The Yes Men" im Hamburger Kino 3001:

"Hochstapler im Dienste der Aufklärung
Ihre zentralen Waffen sind "Identitätsdiebstahl" und "Identitätskorrektur". Das 3001 zeigt bis zum Dienstag die Dokumentation "The Yes Men" über die Aktionen der gleichnamigen Kommunikationsguerrilla-Gruppe."


Der ganze Artikel bei der taz

Kinoankündigung:
"Erstaufführung
The Yes Men

O.m.U.; USA 2003, Regie, Buch & Kamera: Regie: Dan Ollman, Sarah Price, Chris Smith; 80 Min.
Sie sind die Spaßguerilla im World Wide Web: die Yes Men, Hochstapler im Dienste der Aufklärung. Nicht nur auf ihrer Website http://gatt.org parodieren sie die Welthandelsorganisation WTO. Um auf Missstände hinzuweisen, die die wirtschaftliche Globalisierung nach sich zieht, geben die Yes Men auch gefälschte Pressemitteilungen und Stellungnahmen im Namen der WTO heraus, gelegentlich treten ihre Mitglieder auf Tagungen als vermeintliche WTO-Vertreter auf, wo sie subversive Absurditäten verkünden – zum Beispiel die Selbstauflösung der Welthandelsorganisation. Einer, der dies glaubhaft fand, war der kanadische Parlamentsabgeordnete John Duncan. Im Verlauf einer erregten Plenarsitzung wollte er von seiner Regierung wissen, ???welche Auswirkungen dies auf unsere Positionen in Hinblick auf Holz, Landwirtschaft und andere Streitfragen der internationalen Handelspolitik haben wird“. Rund dreihundert Mitverschwörer besitzen die Yes Men weltweit. Der Film blickt auf die Anfänge ihres globalen Engagements zurück und rekapituliert einige ihrer spektakulärsten Aktionen. Dazu gehören die als ???Lösung des Welthungerproblems“ verbreitete Empfehlung, die Dritte Welt möge sich doch bitte von übrig gebliebenen Hamburger-Klopsen aus den Industrienationen ernähren, oder die Präsentation eines Management-Freizeitanzugs, der es seinen Trägern möglich macht, säumigen Arbeitskräften in Drittweltländern ferngelenkte Elektroschocks zu verabreichen.
26.10 bis 31.10. um 19.00."

Die Gier, die schiere Gier hat die österreichische Version des Focus, die "News" zu einer Entschuldigung gezwungen. Den Hintergrund dieses Fakes legt Hans Weiss ("Bittere Pillen") im heutigen Standard (16.9. 2006) offen, wonach die Redaktion von Wolf Fellners Flaggschiff alle Erdenklich daran gesetzt habe, um die Adresse und den Namen der slowakischen Pflegehelferin von Bundeskanzlers Schüssels Mutter ausfindig zu machen.

Ein Brief an "Weste"

Der Standard (16.9. 2006) dokumentiert:

"Aus unserer Mappe "Humor im Wahlkampf" - ein Kommentar der anderen der Künstlergruppe "Haben wir denn keine anderen Sorgen"
Das folgende Schreiben wurde uns - selbstverständlich exckusiv - von der Künstlergruppe "Haben wir denn keine anderen Sorgen" zugespielt, die für die "Halbmond-statt-Gipfelkreuz"-Aktion verantwortlich zeichnet. Wir drucken den Text - selbstvertsändlich nach eingehender Prüfung seiner Authentizität - ungekürzt und im Wortklaut:


Sehr geehrter Herr Westenthaler, Sie haben sich durch Ihren spektakulären TV-Auftritt innerhalb der Spezies der Populisten als Blinder unter Einäugigen geoutet. Das freut uns von der Künstlergruppe "Haben wir denn keine anderen Sorgen" natürlich.

Unter uns: Besonders mich freut es. Wie Sie wissen, haben wir ja auch die Herren Strache und Hans Dichand angeschrieben. Ich aber habe immer an Sie geglaubt und damit eine gruppeninterne Wette gewonnen.

Warum ich an Sie geglaubt habe? Na, sie waren ja in der Schule schon der Petzer, der fleißig zur "Frau Learin" denunzieren und verleumden gegangen ist und dafür von uns anständige Ohrenreiberln und Kopfnüsse erhalten hat. Wer weiß? Vielleicht geben Sie sich ja deshalb als Vertreter der Fleißigen und Anständigen aus.

Apropos Fleißige und Anständige. Dass Herr Al Rawi und seine Familie wegen Ihres Auftritts belästigt werden, wollten wir nicht. Das tut uns leid. Sie sollten sich dafür öffentlich entschuldigen.

Nein, nein, der letzte Satz war nur Spaß. Natürlich wissen wir, dass Sie sich niemals dafür entschuldigen würden, wissentlich ein gefaktes Schreiben als echt zu verkaufen und gegen die Muslime in Österreich herzuziehen. Das ist halt einfach Ihre Natur. Deshalb sind Sie ja auch so beliebt, wie ein Pharmaversuch bei der Familie Laborratte.

Jedenfalls war sogar der Herr Strache schlauer als Sie. Wissen Sie auch, warum? Der hat sofort gewusst, dass ein Schreiben, in dem der islamische Halbmond vorkommt, "getürkt" sein muss.

Ja, jetzt klatschen Sie sich auf die Stirne und denken: "Das hätte ich doch gleich denken müssen, ich Dummerchen ich". Leider zu spät. Kann es sein, dass Ihre Frisur einfach zu wenig kühle Luft ans Haupt lässt? Viele meinen ja, dass sich der Charakter eines Menschen über modische Accessoires ausdrückt. Bei Ihnen verrät die - sagen wir mal "geschmacksresistente" - Frisur sehr augenscheinlich, dass Sie keine Grenzen des Stils und Anstands kennen. Weder persönlich noch als Politiker. Unser Tipp: 300.000 Haare halten sich illegal auf Ihrem Kopf auf. Weg damit, abschieben, deportieren, ab in die Heimat.

Aber Sie hören ja nicht auf uns. Wie konnten Sie sich nur mit Ihrem Überraschungskandidaten, dem ehemaligen Billa-Manager Veit Schalle vor einem Plakat mit den Worten "Ja natürlich" präsentieren? Da denkt ja jeder sofort: Ja, der Slogan passt zu den beiden wie: Naturtrüb und nicht behandelt".

Ja, blöd gelaufen. Aber Kopf hoch, Herr Westenthaler. Bei unserem Wettbewerb namens "How low can you go?"sind sie ganz klar voran. Er läuft übrigens bis 1. Oktober. Teilnahmeberechtigt ist jeder populistische Hetzer des Landes, also sind das gar nicht so wenige. Der/die Gewinner/in erhält in der Woche nach der Wahl von uns feierlich die "Kellerassel des Jahres" verliehen. Das ist so eine Art Ifland-Ring für Populisten. Sie wird künftig beim politischen Tod des Trägers/der Trägerin an eine/n würdige/n Nachfolger/in übergeben.

Jedoch seien Sie auf der Hut, Herr Westenthaler. Noch ist der Sieg nicht fix. Wir geben auch anderen Vertretern ihres Genres die Möglichkeit, sich öffentlich zu entblößen und entblöden. Und vielleicht hilft Ihnen ja die folgende Information (Geteiltes Leid ist ja halbes Leid): Wir werden Sie nämlich alle erwischen.

herzlichst

Sarald Herafin (Haben wir denn keine anderen Sorgen)

Hier nun auch noch das Plakat zum Fake (via raketa.at):

Halbmond2

und damit keiner meint, die Farce ginge nicht weiter

Der Standard (8.9. 2006) sowie die ganze österreichische Medienlandschaft berichtet vom TV-Auftritt des BZÖ-Spitzenkandidaten Peter Westenthaler, der zutage brachte, dass Ideologie dumm machen kann:


Halbmonde statt Gipfel­kreuze: "Künstler­gruppe" wollte mit Aktion "how low can you go" "testen, wie weit populistische Politiker gehen"
Halbmond

Wien - In der gestrigen ORF-TV-Konfrontation zur Nationalratswahl zitierte BZÖ-Chef Peter Westenthaler aus einem angeblichen Briefwechsel zwischen Omar Al-Rawi, dem Integrationsbeauftragten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich und SPÖ-Gemeinderat, und dem Alpenverein. Demnach habe Al-Rawi die Gipfelkreuze auf österreichischen Bergen als "ein Herrschaftszeichen des Christentums" bezeichnet und Halbmonde statt Gipfelkreuze auf österreichischen Berggipfeln gefordert.

Fälschung einer Künstlergruppe


Wie das Monatsmagazin DATUM auf seiner Homepage berichtet, handelte es sich bei dem von Westenthaler zitierten Schreiben um eine Fälschung. Ein Mann, der sich als "Mitglied einer Künstlergruppe" bezeichnet, die sich "Haben wir denn keine anderen Sorgen" nennt, bekennt sich gegenüber DATUM dazu, den Brief gefälscht und an Westenthaler geschickt zu haben.

Tief

"How low can you go" sei das Motto der Aktion gewesen, mit der der Mann nach eigenen Angaben "testen wollte, wie weit populistische Politiker gehen", heißt es in einem Kommunique der Gruppe, das DATUM auf seiner Homepage veröffentlicht. Am Schluss heißt es darin: "Im übrigen wünscht die Künstlergruppe Herrn Westenthaler, dass er beim Joggen im Winter aufs Knie fällt."

BZÖ bleibt dabei und zitiert Fälschung

Das BZÖ bleibt indes bei seiner Darstellung, der Brief sei echt. In einer Aussendung sagte BZÖ-Bundespressesprecher Lukas Brucker, die SPÖ fühle sich ertappt und sei "peinlich darum bemüht, die Diskussion um die Anbringung von Halbmonden an Gipfelkreuzen herunterzuspielen".

Tatsache sei, dass der Brief existiere, so Brucker. "Sollten die genannten Personen anderer Meinung sein, dann sollen sie klagen und der Fall wird vor Gericht ausgetragen", forderte der BZÖ-Sprecher. Brucker weiters: Man habe den Brief "aus einer verlässlichen Quelle" erhalten.

Auf der BZÖ-Homepage ist der gefälschte Brief noch immer online (Stand 13.30 Uhr), unter dem Titel "BZÖ: SPÖ fühlt sich ertappt! Anbringung von Halbmonden auf Gipfelkreuzen sollte vor der Wahl vertuscht werden" hatte die orange Partei in einer Aussendung das gefakte Schreiben auch im Wortlaut zitiert.

Als Verfasser Genannter droht BZÖ mit Klage

Die Diskussion um den Brief könnte bald rechtliche Konsequenzen haben. Der als Verfasser des Briefes angegebene Andreas Ermacora kündigt in einer Aussendung an, Klage gegen das BZÖ zu erheben.

"Nachdem das BZÖ in seiner nunmehrigen Aussendung ausdrücklich daran festhält", dass der Brief echt sei, "wird das BZÖ aufgefordert, dies unverzüglich zu wiederrufen", heißt es in der Aussendung. Außerdem solle die Partei den Brief von der Homepage entfernen. Andernfalls werde "der österreichische Alpenverein sowie Dr. Andreas Ermacora Klage erheben".

Gusenbauer hämisch


SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer reagierte auf die Brief-Causa mit Häme gegenüber Westenthaler: "Im Wettbewerb, wer der Dümmste und Tiefste ist, gibt es seit gestern einen eindeutigen Sieger", meinte er am Rande des SPÖ-Parteitages in Linz. (red/APA)


Das Kommunique:

+++„Haben wir denn keine anderen Sorgen“+++

„Das in der ORF-TV-Konfrontation von Herrn Westenthaler präsentierte angebliche Schreiben des Alpenvereins an Omar Al-Rawi ist ein Fake der Künstlergruppe ,Haben wir denn keine anderen Sorgen'.

Im Rahmen der „Aktion zur Auslotung populistischer Gemein- und Blödheiten – How low can you go? – wurde von uns im Laufe des Sommers eine Reihe populistischer Politiker und Promis mit gefakten anonymen Schreiben beglückt. (u.a. H.C. Strache).

Wir wollten sehen, wie weit populistische Politiker gehen. Westenthaler war von Beginn an ein heißer Tipp. Er wurde deshalb gewählt, weil er durch seine Frisur bereits ausdrückt, dass er keine Grenzen der Scham und das Anstands kennt.

Herr Westenthaler hat gehalten, was wir uns von ihm versprochen haben. Er hat damit beste Chancen am 1. Oktober die Auszeichnung „Kellerassel des Wahlkampfs“ – sie wurde eigens für den Nationalratswahlkampf von der Künstlergruppe ins Leben gerufen - zu erhalten.

Jeder sehfähige Mensch erkennt das Schreiben als Fake. Weder stimmt das Datum noch der Briefkopf.

Jeder verantwortungsvolle Mensch hätte die Richtigkeit des Schreibens überprüft, bevor er damit ins TV geht.

Im übrigen wünscht die Künstlergruppe Herrn Westenthaler, dass er beim Joggen im Winter aufs Knie fällt.“


Bei Datum gibt's dann noch so manches Schmankerl

und dann wird's immer grotesker

der Sonnengelb-Blog forderte mehr solche "paradoxen Interventionen"

Die von Yann Moulier Boutang herausgegebene Theoriezeitschrift "Multitudes" hat in ihrer Schwerpunktnummer zum Thema Deleuze auch einen eigenen Themenkomplex "Hoax" bzw. Kommunikationsguerilla und Fakes eingerichtet. Aber wie häufig im französischen Kontext, wird die nicht-französischsprachige Literatur nicht oder kaum zur Kenntnis genommen. Schade eigentlich ... aber immerhin.


MINEURE : HOAX ACTIVISTE

André Gattolin
Prélude à une théorie du hoax et de son usage subversif

In an introduction to a focus on "activist hoaxes" published by French journal Multitudes, André Gattolin shows how simple tricks can upturn the codes of dominant cultures. The contemporary hoax goes beyond the field of traditional media activism and marks a regeneration of the culture of opposition.

Erwan Lecoeur & Alexandre Pessar
Les Yes Men : de l’usage de la " rectification d’identité " pour Bhopal
The actions of the Yes Men combine happenings with take-over strategies. Starting with websites, they continue the hoax till it runs into reality: in TV studios or with lectures they make sure to catch on film. This time, Dow Chemical takes a hit.

Les actions des Yes Men mêlent stratégie d'usurpation et happening. À partir de sites Web, ils poursuivent le hoax jusqu'à son débouché dans le réel : plateau télé ou salle de conférence filmée. Une entreprise comme Dow Chemicals y a laissé quelques plumes...

Andrea Natella
Aux origines de l’usage subversif du canular en Italie

The true is a moment of the false. Overview of the hoax in Italy, from Censor (1975) to Luther Blissett.

Le vrai est un moment du faux. Panorama du hoax en Italie, de Censor (1975) à Luther Blissett.

Luther Blissett
Le Gai Mensonge de Luther Blissett
Don't hate the media, lie to the media. Defence and illustration of lying by the Italian Luther Blisset collective.

Le pouvoir ment. Mentons à notre tour, et mentons mieux. Défense et illustration du mensonge par le collectif italien Luther Blissett.

André Gattolin
Serpica naro : un hoax activiste contre le milieu de la mode

The young designer Serpica Naro is the center of attention during Fashion Week. But she doesn't exist. A collective of flexworkers created her from scratch, to have a laugh at the city of Milan whose blood is sucked dry by the fashion vamp. And to show its dark side too: extreme precarity, with three-quarters of those under 35 working on short-term contracts.

La jeune styliste Serpica Naro, centre de l'attention de la Semaine de la Mode, n'existe pas. Un collectif de précaires l'a créée de toutes pièces pour tourner en dérision une ville de Milan vampirisée par la mode et pour en exposer la face obscure : une précarité à outrance, avec près des trois quarts des moins de 35 ans qui travaillent sous le régime des contrats atypiques.

Francis Mizio
La Brigade de propagation textuelle : histoire d’une expérience collective de harcèlement par courriel

Words against corporate communication. Account of the attempted sabotage of Jaimemaboîte.com (=Ilovemycompany.com), initiator of Business Day.

Des mots contre la com. Récit du sabordage de Jaimemaboîte.com, initiatrice de la Fête de l'entreprise.

Vorbemerkung: Die Vorversion dieses Eintrags ist bereits Mitte Juli geschrieben worden. Inzwischen ist die Autorin dieser Zeilen aber auf den Eintrag "Uncle Rooneys World" von Ivo Bozic (Redakteur der Jungle World) in dessen eigenem Blog "Planet Hop" gestoßen. Ivo Bozic erklärt dort, wie die Sache aus seiner Sicht gelaufen ist. Sein Eintrag beginnt mit einem Satz, den wir nur unterschreiben können: "Die Geschichte könnte aus dem Handbuch der Kommunikationsguerilla stammen." Das drückt sich schon allein darin aus, dass auch hier ein Eintrag zum Rooney-Fake vorbereitet worden ist (dann aber doch nicht öffentlich gemacht wurde, was im folgendem nachgeholt wird). Der Witz daran ist aber, dass uns vor allem interessierte, warum die Jungle World, sprich Ivo Bozic, darauf reingefallen ist (immerhin einer in dieser Redaktion, den wir ernst genommen haben bzw. ernst nehmen).
Die Jungle World (28.6. 2006) ist wie andere deutschen Zeitungen (Spiegel Online) ein Opfer ihres eigenen Begehrens geworden. In einer Zeit des massiven WM-Nationalismus war insbesondere diese Redaktion ein potenzielles Opfer des Bremer Germanisten Martin Rooney, der sich als Onkel des englischen Fußballstars Wayne Rooney ausgab. Unter der Überschrift "»Für die Toten des Luftkriegs ist Hitler verantwortlich«" veröffentlichte die linke Version des Focus, die Jungle World, ein Interview mit einem Wissenschaftler, der allein schon wegen seiner Biographie (die wir aber nicht überprüfen können) gerade für unsere Avantgarde einer vor allem moralisierend angelegten Ideologiekritik besonders attraktiv ist (unter anderem wollte ihm die Friedensbewegung einen Preis an ihn wieder aberkennen, da er die Friedensbewegung kritisiert hat). Also einer so recht nach dem Geschmack von Leuten, die Verbalradikalismus und Distinktion mit Kritik verwechseln und deshalb auf der Suche nach jemandem wie Rooney ist, der all das sagt, was man zu hören wünscht. Den Mainstream-Medien hat der Bremer Germanist den Bären mit dem jungen Rooney aufgebunden, und dass derselbe sich früher nicht benehmen konnte, und die Jungle World wurde mit jener Mischung bedient, die ihn als Kronzeugen für das Begehren auf der Seite der Guten zu stehen prädestiniert:

"Ein Onkel von mir war bei den Desert Rats, also der 7th Armoured Division, die Hitlers Wehrmacht in El Alamein besiegt hat, und er ist dann bis nach Hamburg gekommen. Ein anderer Onkel zählte zu den ersten englischen Soldaten, die in der Normandie gelandet sind ..."

Da haben wir ihn, den Vorzeige "Anti-Deutschen", und wenn das jemand von sich behaupten kann, dann nimmt ihm die Jungle-World auch jeden anderen Scheiss ab.


"Martin Rooney ist ein Onkel des englischen Fußballstars Wayne Rooney. Der britische Germanist und Philosoph lebt seit 1973 in Bremen. Er beschäftigt sich u. a. mit Manès Sperber und George Orwell und war 15 Jahre lang Vorsitzender der Armin T. Wegener-Gesellschaft. Mehrere Mitglieder der Familie Rooney waren im Zweiten Weltkrieg aktiv an der Niederschlagung Nazi-Deutschlands beteiligt. Der 57jährige Rooney bekam 2003 den Bremer Friedenspreis zugesprochen, der ihm jedoch zunächst wieder aberkannt wurde, weil er sich kritisch über die deutsche Friedensbewegung geäußert hatte. "


Inzwischen hat sich Ivo Bozic in seinem eigenen Weblog zu diesem Interview geäußert:

"Dass sich die anderen Medien so derart für Martin Rooney interessierten, nur weil er ein Onkel von Wayne sein soll, habe ich ohnehin nicht ganz verstanden, aber gut, warum auch nicht. Es ist WM, da wird halt jede noch so kleine Story gerne genommen, und die Interviews mit ihm in Rund oder die Story in der ARD waren ja auch hübsch. Deshalb allein hätte ich ihn allerdings nicht interviewt. Mich hatte der Mann deshalb interessiert, weil er ein angesehener Wissenschaftler ist, der sich jahrzehntelang sehr verdienstvoll mit der Aufarbeitung des Völkermords an den Armeniern beschäftigt und die Biografie Armin T. Wegeners verfasst hat, und im Jahr 2003 einen Friedenspreis zugesprochen und wieder aberkannt bekam, weil er völlig zu Recht den Antiamerikanismus und die fehlende Reflexion des Saddam-Hussein-Regimes in der Friedensbewegung kritisiert hatte."

Genau. Und so steht es im Handbuch der Kommunikationsguerilla über die Fakes von Il Male (S. 71): "Die Fakes griffen das Begehren der Leser auf und realisierten es in einem vieldimensionalen Raum der falschen Wahrheiten und wahren Fälschungen."

Und es geht in diesem Interview nur um das Begehren der Jungle-World-Redaktion, wenn Ivo Bozic dann auch das Thema Rooney sofort hinter sich lässt und die ihm naheliegenderen Ansichten des britischen Anti-Deutschen abfeiert, wobei Rooney in Sachen "Fußballpatriotismus" bezeichnenerweise etwa zurückhaltend bleibt:

"Wenn Sie auf den Straßen das schwarzrotgoldene Fahnenmeer sehen und die Deutschen über ihr neues, unbeschwertes Verhältnis zur Nation reden hören, was denken Sie dabei?

Wenn ich Fußball gucke, schalte ich zu Spielbeginn den Fernseher ein, und während der Halbzeit und nach dem Abpfiff sofort aus, so dass ich das Drumherum gar nicht so mitbekomme. Ich will die Dummschwätzer nicht hören, die da spekulieren und sich wichtig tun. Über die Stimmung denke ich, dass wir einen saumäßigen Winter hinter uns haben, und viele Leute wollen einfach feiern bei diesem wunderschönen Wetter. Wie das insgesamt einzuschätzen ist, dazu muss man das Ende der WM abwarten. Es kann natürlich jederzeit irgendetwas passieren, was die Situation sehr schnell ändert.

Das WM-Motto ist »Die Welt zu Gast bei Freunden«. In England erinnert man sich noch gut daran, wie es war, als die Deutschen zuletzt dort »zu Gast« waren …

Die Deutschen waren nicht »zu Gast« in Großbritannien, dafür haben unsere Streitkräfte gesorgt. Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ist ständig präsent in den englischen Medien. Und man wird sich weiter mit der deutschen Vergangenheit beschäftigen, ob in England, Amerika oder Israel – egal, ob das gewissen Kreisen in Deutschland passt oder nicht. "


In diesem Interview interessiert sich nicht wirklich jemand für Wayne Rooney, die Sache wurde einfach als Vorlage gespielt um die ewig gleiche Leier zu bedienen. Antiamerikanismus und Antisemitismus. Es geht dabei keineswegs um eine berechtigte Kritik inhaltlicher Problematiken innerhalb von Anti-Kriegsbewegungen oder aktuellem Nationalismus (es wird der historische Nazismus immer wieder in einer Weise aktualisiert, dass dieser Bezug den gegenwärtigen Nationalismus verharmlost).

Martin Rooney (vorausgesetzt - er meint das wirklich ernst) und Ivo Bozic interessieren sich nicht wirklich für eine Analyse, sie bedienen das anti-deutsche Ressentiment, das nur das Spiegelbild ihres Gegenübers ist und somit das mit hervorruft, was es eigentlich zu bekämpfen gilt. Die Wahnidee der Nation. Da sie sich aber auf eine Seite zu schlagen glauben müssen (was im Falle von Israel nicht das Schlimmste ist), ist diese Kritik bestenfalls für die Katz, schlimmstenfalls blind für das mörderische Potenzial eines veränderten Nationalismus. Weil es zuviele gibt, die glauben deutschen Nationalismus noch mit der Geschichte in Schach halten zu können, sind "die Linken" dem gegenwärtigen WM-Nationalismus so hilflos gegenübergestanden. Dafür trägt der politische Einfluss der Antideutschen einen Gutteil der Verantwortung.

Aber da es hierbei in erster Linie um Distinktion und nicht um Analyse und Kritik geht, prallt auch jeder aufklärerischere Gedanke an dem hier vorliegenden "Ticket-Denken" (Adorno) ab.

Wahrheit als Bedrohung
heißt die Überschrift auf den Online-Seiten der ZEIT

Dabei werden The Yes Men als "Aktionskünstler" etikettiert: Sie "treiben ihr unglaubliches Spiel mit der Wahrheit am liebsten in den Zentren der ökonomischen Macht".

Der Artikel beschreibt wie Kommunikationsguerilla à la Yes Men funktioniert:

Zeitgenössischer Polit-Aktivismus, wie ihn Greenpeace oder Attac betreiben, hat viel vom Theater und der Aktionskunst gelernt.
(...)
The Yes Men, die Ja-Sager, gehen anders vor. Auch sie leisten Performances und agieren in besonderen Situationen, aber sie belehren nicht, sondern sind geradezu übereifrig in ihrer Anpassung an die Sprache und die Bilder ihres Publikums. Die Powerpoint-Präsentation beispielsweise hatten sie aus Cliparts zusammengestellt, die Microsoft online zur Vortragszwecken bereitstellt. Wenn die Bildchen und Schlagwörter auf der Projektion reinschweben oder -flitzen, sind das ebenfalls Standardeffekte des Programms. Waren also die Übernahme der Gepflogenheiten - die Präsentationsweise, der Redestil, das Auftreten - so perfekt, dass den professionellen Zuhörern die drastischen Inhalte entgingen oder entgehen mussten?
(...)
Die Frage, ob und wie Kunst politisch oder Politik kunstvoll sein kann, ist im 20. Jahrhundert immer wieder gestellt worden und von den totalitären Regimes in Deutschland und Russland erschreckend klar beantwortet worden. Kunst wurde hier zum Mittel der Indoktrination, der psychologisch untermauerten Einschwörung auf die herrschende Ideologie, und zur eindringlichen Gestaltung von politischen Akten. Wenn die Distanz zum politischen Inhalt fehlt, wenn das Nachdenken der eigenen Position ausbleibt, so läuft politische Kunst immer Gefahr, einfach einer Sache zuzustimmen oder bloß moralinsauer den Zeigefinger gegen sie zu erheben. Das haben The Yes Men ausführlich bedacht und daraus eine komplizierte politische Kunststrategie aus Täuschung, Überaffirmation (übertriebener Zustimmung), Distanznahme, Dokumentation und Distribution (Verbreitung) entwickelt. Nach der Aktion während der Londoner Konferenz bleiben das treffliche Symbol Gilda sowie die Video- und Fotodokumente des Vortrags Zerrspiegel der wahnsinnigen Logik, die für die meisten von uns unsichtbar hinter verschlossenen Türen wirkt, dafür aber den Lauf der Welt maßgeblich bestimmt. Alles lässt sich auf der Homepage genau nachvollziehen. Als Spiegelbilder finden die Aktionen aber auch - das ist fast klassisch - zurück in die Kunstausstellungen.


Tja, also doch mal wieder die Heimholung in die Kunst. Schön, dass die Praxis sperriger ist ...

Freitag, 23. Juni 2006, 19.00 h
Akademie der bildenden Künste Wien, Schillerplatz 3, Raum M 13
(Mezzanin), 1010 Wien

The Yes Men: »Identity correction, infiltration and other easy answers«

 

twoday.net AGB

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