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Im Weblog Adresscomptoir des Wiener Historikers Anton Tantner finden wir einen Hinweis eine Rezension des Innsbrucker Schriftstellers Walter Klier in der Wiener Zeitung (9.12. 2006) auf die "Partei des gemäßigten Fortschritts" des von uns allseits geliebten Jaroslav Hašek (Vgl. Handbuch der Kommunikationsguerilla, S. 83) und der Neuherausgabe des Bandes über ""Geschichte der Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen der Gesetze":

Zwangseinführung des Alkoholismus
Von Walter Klier

Ein sehr wichtiges Buch ist im vergangenen Jahr wieder aufgelegt worden; wichtig nicht nur wegen seines literarischen Werts, sondern auch in Bezug auf das allgemeine Missbehagen, das in letzter Zeit die Politik von etablierten Parteien in Österreich, aber auch in vielen anderen Ländern auf sich zieht. Es ist Jaroslav Haseks bahnbrechende politische Schrift "Geschichte der Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen der Gesetze" (Parthas Verlag Berlin, 2005, übersetzt und mit einem Nachwort von Gustav Just ).

Hasek, weltberühmt durch seinen Roman über den braven Soldaten Schwejk, hat mit einigen Gleichgesinnten 1911 in Prag tatsächlich eine solche Partei gegründet, und zwar in einem Gasthaus mit dem Namen "Kuhstall".

In den Erinnerungen eines Kollegen, des Schriftstellers Frantisek Langer, wird eine solche Parteiversammlung beschrieben. Hasek erschien nüchtern, geschneuzt, gekampelt und pünktlich und hielt eine politische Rede nach allen Regeln der Kunst, "mit einer Menge Versprechungen und Reformen, schmähte die anderen Parteien, denunzierte die Gegenkandidaten, alles wie es sich für einen anständigen Bewerber für eine solche Würde gehört."

Das Parteiprogramm enthielt in seiner ausführlichsten Fassung so ziemlich alles, was einem tschechischen Wähler zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Herzensanliegen sein musste. So wurde etwa die Wiedereinführung der Sklaverei gefordert: "Solange es Sklaven gab, brauchte ein ordentlicher Mensch nicht zu arbeiten. Die Einführung der Sklaverei propagieren wir allerdings unter der humanen Bedingung, dass die Sklaven nicht den Muränen vorgeschmissen werden."

Unter dem Paragraphen "Rehabilitierung der Tiere" verlangte man, dass "jeder Polizeihund entsprechend seinen Fähigkeiten mindestens in die VII. Rangklasse eingereiht wird und dass seine Witwe sowie die Waisen mit einer angemessenen Pension versorgt werden. Das gleiche gilt auch für die Polizeipferde, jedwede Beleidigung eines solchen wird als Beleidigung einer Amtsperson geahndet."

Zudem wird die Wiedereinführung der Inquisition gefordert sowie die Errichtung staatlicher Erziehungsanstalten für schwachsinnige Abgeordnete,vor allem aber im abschließenden Paragraph 7: "Zwangseinführung des Alkoholismus. (Welch ein süßer Zauber in diesem Paragraphen liegt, kann sich ein jeder denken.)"

Die Partei machte mit ihren Versammlungen in Prag Furore, das Wahlergebnis entsprach dann allerdings nicht ganz den Erwartungen. Bei den Reichstagswahlen 1911 erreichte sie im Wahlkreis Königliche Weinberge 36 von 2534 abgegebenen Stimmen. Doch immerhin bat Haseks Freund, der Verleger Karel Locak, den verhinderten Abgeordneten, ein Buch über die Geschichte der Partei zu schreiben – was auch geschah. Allerdings brachte er es aus Angst vor Beleidigungsklagen dann nicht heraus, sodass im Lauf der Zeit nur einzelne Bruchstücke in Zeitungen erschienen, das Ganze erst im Rahmen der Gesamtausgabe von 1963.

Da war Hasek schon vierzig Jahre tot, unter anderem auch deshalb, weil er nicht auf die Verwirklichung von §7 des Parteiprogramms gewartet, beziehungsweise diese in eigener Person schon vorweggenommen hatte.

Es ist ein großes Glück, dass der Berliner Parthas Verlag die 1971 erstmals erschienene deutsche Fassung nun wieder einer interessierten Öffentlichkeit vorgelegt hat. Eines der Merkmale des politischen Lebens – und zwar zu allen Zeiten, in allen Ländern – ist ja die Diskrepanz zwischen Sein und Schein, zwischen großen Worten und der zähen Wirklichkeit; und die unnachahmliche Art, in der Hasek den damals grassierenden Blödsinn satirisch bearbeitet hat, erheitert auch uns Heutige, obwohl Anlässe und Slogans von damals längst vergessen sind.

Als Beispiel für Haseks zeitlose Gültigkeit möchte ich kurz aus der "Rede über die Gegenkandidaten" zitieren: "Leider trifft jedoch auch das Wort ‚Gauner‘ nicht vollkommen die private und öffentliche Aktivität meiner Herren Gegenkandidaten, und so werde ich mich bemühen, ihren Charakter besser zu erfassen, ohne sie mit dem Wort ‚Schurke‘ beleidigen zu wollen. Wer diese Herren freilich kennt, der weiß positiv, dass die Wörter ‚Gauner‘ und ‚Schurke‘ allzu maßvoll sind, und absolut nicht ausreichen, um ihren Charakter treffend zu kennzeichnen . . ."


PS. Ich würde mich der folgenden Anmerkung von Anton Tantner allerdings anschließen:

"Im Wiener Zeitung-Extra macht Walter Klier auf die Neuausgabe eines aktuell gebliebenen Werks des tschechischen Autors Jaroslav Hašek aufmerksam; Hašek - zunächst anarchistisch, dann kommunistisch politisch aktiv - schreibt darin über eine 1911 von ihm gegründete Spaßpartei, die einmal zur Wahl antrat und gigantische 36 Stimmen bekam. Stolz ist allerdings der Preis, um den das 144-Seiten-Buch vom Parthas-Verlag nun angeboten wird, nicht weniger als 48 Euro werden verlangt."

Bloss warum der sich selbst als links inserierende Tantner sich mit Amazon verbandelt (Gibt das wirklich soviel Kohle?), steht wiederum auf einem anderen Blatt.
 

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