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Kleidkultur
SILKE HOHMANN
(Frankfurter Rundschau, 30.07.2003)

Als Johnny Lydon seinem späteren Manager Malcolm McLaren das erste Mal auffiel, geschah das nicht etwa aufgrund irgendwelcher musikalischer Merkmale, sondern anhand eines Pink Floyd-T-Shirts. Über den Schriftzug der Band hatte der schwer erziehbare Jugendliche mit Autolack "I hate" geschrieben. Das überzeugte den Mode- und Musik-Mienenhund McLaren sofort von Lydon, der wenig später unter seinem Spitznamen Johnny Rotten als Mitglied der Sex Pistols bekannt werden sollte. Hatte der es doch verstanden, durch einen winzigen Eingriff alle Vorzeichen umzudrehen. Nicht in der Aussage, sondern vor allem in der Methode des Sich-Mitteilens durch
Mode sah McLaren die große Zukunft des Punk, den er ins öffentliche Bewusstsein führte.

Heute ist Protest mittels Garderobe da schon viel vertrackter geworden. Parkas und Palästinensertücher werden mittlerweile von Designermarken hergestellt, Sturmhauben und Buttons gibt es bei H&M - für eine Saison.
In dem Moment, wo die Provokation selbst zur Pose wird, kann sie keine Verletzungen mehr erzeugen. Aus sich selbst heraus ist die Mode als Ausdrucksmittel am Ende, nicht einmal Nacktheit als radikalste modische Äußerung verfügt noch über Zündstoff. Tabus bestehen nur noch in der Inszenierung, dem Zusammenspiel von Kulisse und Dargestelltem. Ist man in einer Fernsehshow etwa vom Smoking bis zur totalen Körperentblößung auf alles gefasst, herrschen auf bestimmten gesellschaftlichen Präsentationsflächen immer noch strenge Regeln. Allen voran gestellt die:
Wer mit macht, macht mit. Selbst Verweigerungsposen, ausgeklügelt oder unbewusst, formieren sich auf dem Parkett zum Statement, das völlig losgelöst von den Absichten des Darstellers wahrgenommen werden kann. Und sei es, das hat sich seit Johnny Rotten nicht geändert, als Erinnerung an die eigenen normativen Grenzen.
 

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