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Syliva Riedmann (Innsbruck) rezenseniert "Q" von Luther Blissett in der Innsbrucker "Bravda":

'Q' - ein akribisch recherchiertes, detailversessenes und unvergleichlich dichtes Buch, dessen Seitenumfang (immerhin 797 davon sind zu bewältigen) denjenigen seiner Titelbuchstaben bei weitem übertrifft. Auf den ersten Blick ein historischer Roman, der das frühe 16. Jahrhundert vor dem Auge des/r Lesers/in erstehen lässt. Der Protagonist ist ein Held mit vielen Namen und wechselnden Identitäten. Er bewegt sich durch die Kämpfe seiner Zeit, stets Seite an Seite mit den kleinen Handwerkern, Tagelöhnern, Dirnen und Bettlern. Sozialer Aufruhr und religiöser Zwist bestimmen die konfliktschweren Jahre nach dem Eintritt der Gesellschaft in die Gutenberg-Galaxis. Der mit den vielen Namen kämpft gemeinsam mit Thomas Müntzer in den Bauernkriegen, erobert Münster als einer der häretischen Wiedertäufer, legt sich mit den Fuggern an und fordert schließlich den Kardinal Carafa und späteren Eiferer-Papst Paul IV heraus, der in der katholischen Kirche einen Index verbotener Bücher durchsetzen möchte. Doch ihm folgt ein Schatten - Q! Hinter diesem Kürzel verbirgt sich einer der Spione des fanatischen Kardinals. Immer wieder greift er auf verheerende Art und Weise in das Schicksal des Helden mit den vielen Identitäten ein, bis sich ihre Lebenswege kreuzen. Vor dem literarischen Hintergrund von Spionage, Kabale, Macht und Gewalt wird eines deutlich: Die Tragik der Erhebungen der Unterdrückten lag und liegt in der Antwort der Mächtigen darauf. Jeder Aufruhr, jeder gewaltsame Widerstand und jede Revolution hat Maßnahmen zu gewärtigen, die die Schraube der Repression ein Stückchen weiter (an-)drehen.
'Q' thematisiert allerdings nicht nur die Reaktion der Macht sondern stellt vielmehr jede Form von Fanatismus - auch und gerade den der unterschiedlichsten Aufständischen - an den Pranger. Mit feiner Ironie vermittelt der Text die Unentscheidbarkeit von politischen Kämpfen und zugleich die Kraft welche sie ihren Kämpfern geben. Das Buch steht jedoch nicht für sich alleine - es interveniert in einen spezifischen Kontext, der mit seiner unklaren Autorenschaft zu tun hat. Kurz nachdem der Roman 1999 in Italien erschienen und zum Kassenschlager geworden war, erging sich die Presse in den abenteuerlichsten Mutmaßungen, auf wessen Konto das so erfolgreiche Werk zu verbuchen wäre (Umberto Eco war einer der heißesten Tipps). Als offizieller Verfasser fungiert ein gewisser Luther Blissett, in natura ein englischer Fußballspieler karibischen Ursprungs, der 1982 eine recht glücklose Saison lang für den norditalienischen Verein AC Milan kickte. Mitte der 1990er Jahre tauchte der Name gleichwohl abgekoppelt von seinem ursprünglichen Träger auf und mutierte zum multiplen Namen. Die exakte Herkunft des kollektiven Phantoms Luther Blissett lässt sich nicht eruieren, die unterschiedlichsten Mythen ranken sich um seine Geburt. Sicher ist, dass die Idee im Feld der künstlerischen Avantgarde von Situationismus, Neoismus, MailArt und der London Psychogeograhpical Association zu verorten ist. Oliver Marchart nennt Luther Blissett in seiner Neoismus-Einführung den 'politischsten Zweig des multiple-names-Universums' (1). Luther Blissett zeichnet sich dadurch aus, dass jede/r sich dieses Namens bedienen kann und dekonstruiert somit das bourgeoise Konzept von Identität. Er steht für freies Urheberrecht, psychogeographische Rollenspiele, kulturellen Terrorismus, subversive Kommu-nikationsstrategien und semiotische Guerilla- Aktionen. Zur Zeit seiner Hochblüte (in den Jahren zwischen 1994 und 1996) kam der multiple Name des öfteren in atemberaubend komischen Situationen zum Einsatz: 1994 etwa nahm Luther Blissett die beliebte italienische Fernsehsendung 'Chi l'ha visto?' (Wer hat ihn/sie gesehen?) auf die Schippe und schickte die Fernseh-macher auf die Suche nach dem - nicht existierenden - englischen Künstler Henry Kipper. Dieser war angeblich bei dem Versuch, mit dem Mountainbike den imaginären Schriftzug 'ART' zwischen nord- 1
italienischen Städten zu schreiben, verschollen. Ein andermal schickte Luther Blissett sich an, Medienpropaganda zu dekonstruieren und mediale Vorverurteilung aufzuzeigen: 1997 erschien ein Buch ('Lasciate che i bimbi: Pedofilia, un pretesto per la caccia alle streghe' - 'Lasst die Kinder: Pädophilie als ein Vorwand für die Hexenjagd'), das direkt auf einen aktuellen Fall Bezug nahm und die Rolle der involvierten Staatsanwältin sowie den dubiosen Einfluss einer katholischen Lobby- Gruppe aufzeigte. Bald eroberte Blissett auch den deutschsprachigen Raum: 'Handbuch der Kommunikationguerilla' heißt ein strategisches Werk, das Anleitungen zum Durchbrechen der dominanten 'kulturellen Grammatik' und eine Sammlung der heißesten Fakes der 1990er Jahre bietet. Luther Blissett erscheint am Buchcover gemeinsam mit dem weiteren multiplen Namen Sonja Brünzels und der autonomen a.f.r.i.k.a.-gruppe als Verfasser des unkonventionellen Buches (2).1999 schließlich folgte das Werk 'Nemici dello Stato. Criminali, 'mostri' e leggi speciali nella società di controllo' ('Feinde des Staates. Kriminelle, Monster und Notstandsgesetze in der Überwachungsgesellschaft'). Die These des Buches behauptet, dass die frühen Notstandsgesetze der 1960er und 1970er Jahre der Krise des Taylorismus/Fordismus entsprachen, wohingegen die aktuellen Gesetze perfekt in das Bild einer Überwachungsgesellschaft passen, die auf einer 'molekularen' Verhinderung von sozialem Konflikt beruht. Weiters basiere dieser endlose Ausnahmezustand auf einem katholisch-juridischen Modell, nämlich dem der Heiligen Inquisition. Q ist deshalb nur vordergründig ein historischer Roman. Letztlich blitzt zwischen den frühneuzeitlichen Daten die aktuelle Welt hervor und das Buch kann als belletristisches Lehrstück für die adäquate Begegnung mit jeder Form von repressiver Kontrollmacht gelesen werden. Gewaltsamer Widerstand, Aufruhr und Erhebung werden hier nicht (mehr) als angemessene Mittel zur Erreichung politischer Ziele angesehen. Das Gebot der Stunde lautet Fake, Hoax & Schwindel. Kurz: kultureller Terrorismus! Ein Plädoyer für die widerständige Kraft des Fakes unter dem humorigen Motto 'Funny has never been so serious!' (3)


Blissett; Luther (2002): 'Q', München: Piper oder als copyright-freies Werk kostenlos im Netz!


(1) Marchart, Oliver (1997): 'Neoismus. Avantgarde und Selbsthistorisierung', Wien: Selene, S. 42

(2) autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe; Blissett, Luther & Brünzels, Sonja (2001): 'Handbuch der Kommunikationsguerilla', Berlin, Hamburg, Göttingen: Assoziation A, 4. Auflage 3

(3) Nailor, Tony: 'Q' oder die Lehre vom kulturellen Terrorismus
 

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